Der Spion Buchtipp: Anthony McCarten „Superhero“

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Anthony McCarten - Superhero
24.07.2007



„Dies ist das lustigste Buch über Krebs, das Sie je lesen werden“, versprach Anthony McCarten im Juni auf einer Lesung in der „Anderen Buchhandlung“ in Rostock. Ein recht gewagtes Versprechen angesichts der Tatsache, dass rein gar nichts in Verbindung mit dieser Krankheit als „lustig“ gelten dürfte. Selbst gelungener Sarkasmus kann sich schließlich beim Thema Krebs nur schwerlich eines sehr bitteren Beigeschmacks verwehren. Zumindest aber ist sein Roman über einen 14-jährigen leukämiekranken Jungen das am wenigsten deprimierende Buch zu dieser schwierigen Problematik - und das, obwohl die Bitterkeit, die alles auffressende Angst rund um die Krankheit in keinster Weise verschwiegen werden.

Anthony McCarten beschönigt nichts. Er hält voll drauf auf den Menschen in Extremsituationen. An keiner Stelle hat der Neuseeländer es nötig, den Witz an den Haaren herbeizuziehen, und doch beweist er ein besonderes Händchen für Situationskomik, mit der es ihm gelingt, die gewaltige Anspannung immer wieder auszugleichen. McCarten kennt die menschliche Seele in Bedrängnis; er weiß, wie Menschen mit derartigen Zerreißproben umzugehen versuchen, und das nicht zuletzt deshalb, weil der Autor dies alles selbst erlebt hat: Zur Entstehungsgeschichte seines Romans verrät er, dass seine Eltern beide an Krebs starben und ihn und seine sechs Geschwister sehr früh zurückließen. Aus dieser persönlichen Erfahrung heraus hat Anthony McCarten den Galgenhumor als ein nur allzu menschliches Phänomen der Verarbeitung kennen gelernt und ein ausgeprägtes Gespür dafür entwickelt, wann dieser angebracht und hilfreich ist. So erzählt er die Geschichte des schwer pubertierenden, lebenshungrigen Donald F. Delpe stets mit einem Höchstmaß an Respekt vor der Krankheit und denen, die unter ihr leiden.

Donalds größte Befürchtung ist es, vielleicht zu sterben, ohne jemals Sex gehabt zu haben. Zwar hat er sich in ein Mädchen verliebt, doch liegen sein Selbstbewusstsein und sein Kampfgeist nicht zuletzt wegen seines kahlen Kopfes am Boden. Schließlich nimmt sich sein Psychologe, Dr. Adrian King, Donalds Sorge voller Inbrunst an und entschließt sich zu einer recht unkonventionellen Methode, dem Jungen zu helfen. Zuvor muss Dr. King jedoch erst einmal zum Seelenleben seines jungen Patienten vordringen, denn dieser lehnt zunächst alle wohlgemeinten Hilfsversuche ab und scheint lieber resignieren statt kämpfen zu wollen. Eine Möglichkeit, dem Jungen näher zu kommen sind seine Comics – Donald ist ein begeisterter und talentierter Comiczeichner und verarbeitet seine Gefühle mit dem Erfinden von Geschichten über MiracleMan, einem Superhelden, der eine heiße Braut namens Rachel zur Freundin hat und von Dr. Gummifinger, einem durchgeknallten Chirurgen, gejagt wird. MiracleMan ist unsterblich, jedoch bei Weitem nicht vollkommen: Donald, sein Schöpfer, hat sie satt, die verlogene Welt der perfekten Superhelden, und so lässt er seinen eigenen Comicstar MiracleMan beispielsweise bei romantischen Begegnungen furzen.

Zugegeben, ein bisschen klingt die Handlung von „Superhero“ wie die eines rührseligen Teenagerfilms, und doch ist McCartens Geschichte vor allem eines: herzzerreißend menschlich. Menschlich, das sind vor allem die Mühen Donalds’ Mutter, die mit ihrer grenzenlose Liebe zu ihrem krebskranken Kind wie ein „Rasensprenger auf verdorrtem Gras“ agiert; die es schwer findet, mit ihrem Sohn zu sprechen, während dieser, im Zuge seiner Chemo-Therapie an eine Travenol-Pumpe angeschlossen, die abscheulichsten Gifte in den jungen Körper gepumpt kriegt. Wie soll sie nur etwas Mütterliches, Ruhiges, Aufmunterndes sagen, wenn sich vor ihren Augen eine Tragödie abspielt? Oft recherchiert sie bis tief in die Nacht im Internet nach den neuesten Erkenntnissen und Behandlungsmethoden, liest massenweise Ratgeberbücher und könnte jeden Augenblick vor Erschöpfung zusammenbrechen. Menschlich, das sind auch Donalds zynische Abschiedsgedanken, die ihm in den Kopf schießen, als er Selbstmord in Erwägung zieht: „Tschüß allerseits an all die unbeschrittenen Wege und unbesehenen Zukünfte, an alle nicht aufgehakten Büstenhalter und ungeküßten Mädchen“, „Lebewohl an alle ungelernten Lektionen und ungemachten Fehler“, „Verpisst euch an alle qualvollen medizinischen Therapien und Demütigungen“ und „Gehabt Euch wohl an den ganzen medizinischen Rummel, in dem kaum einer merken wird, daß hundert Pfund Fleisch mit einer Seele drin irgendwann nicht mehr da sind“.

McCarten, der bereits erfolgreich als Drehbuchautor gearbeitet hat und vor allem wegen seiner Mitarbeit an dem Stück „Ladies Night“ aufgefallen ist, erzählt seinen Roman „Superhero“ im Kinomodus. In drei Akten, inklusive gestrichener Szenen und Outtakes, inszeniert McCarten die Handlung mit Auf- und Abblenden, Kamerafahrten und zahlreichen Schnitten. Zudem schwenkt er immer wieder heraus aus dem „Film“ und hinein in Donalds Comicwelt. Er schiebt Textpassagen über MiracleMan und Dr. Gummifinger ein, die vor fett gedruckter Comicsprache nur so strotzen, so dass sich das Buch liest, als würde man vom Comicbuch zur Kinoleinwand immer auf und ab schauen.

„Ich will mein Geld zurück, ich habe nichts kapiert!“ Diese Worte, so findet Donald anfangs, sollen einmal auf seinem Grabstein stehen. Doch lernt er allmählich, dass sein eigener Film gar kein so schlechter ist, und vor allem, dass er darin den Helden und nicht etwa den Loser spielt.

Anthony McCarten „Superhero“. Roman. (Diogenes Verlag, 2007).
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