Der Spion-Buchtipp: Benedict Wells "Spinner"

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Buchcover
14.08.2009

Eigentlich steht Jesper Lier die Welt offen: Mit dem Abi in der Tasche ist der Münchner gerade ins aufregende Berlin gezogen. Sein neues Leben hat der angehende Schriftsteller sich aber anders vorgestellt. Statt seine Freiheit zu genießen, baut er sich sein eigenes Gefängnis.

Berlin, Berlin - die deutsche Haupt- und Szenestadt kann Zugezogene beflügeln - oder völlig verschlucken. Im Falle von Jesper Lier, dem 20-jährigen Romanhelden in "Spinner", geschieht Letzteres. Dabei liegt das weniger an der Stadt als an Jesper selbst, der sich seit seiner Ankunft in der Metropole immer mehr in ihre Anonymität flüchtet.

"Wer bin ich und wenn ja, wie viele?"

Seiner Mutter hat er nicht einmal verraten, dass er in Berlin auch telefonisch zu erreichen ist. Damit sie sich keine Sorgen macht, hat Jesper, der schon lange nicht mehr in den Zug nach München gestiegen ist, eine Freundin erfunden. Das Namensschild seines Vormieters an der Wohnungstür seines Kellerlochs hat er auch nach einem Jahr noch nicht ausgetauscht.

Das Spiel mit seiner Identität, die der 20-Jährige lieber verbirgt, ist bezeichnend: Wer und was er sein will, das weiß der Held in etwa. Doch fühlt sich alles, was er tut, falsch an. Irgendwie ist das nicht so seine Zeit, glaubt Jesper, und fürchtet vor allem eines: "Erst bist du jung und machst dir tolle Pläne, und alles scheint möglich, und dreißig Jahre später wachst du auf und stellst fest, dass alles falsch ist." Benedict Wells, der seinen Roman mit 19 zu schreiben begann, gelingt es mühelos, die großen Fragen des Lebens auf seine junge Hauptfigur hinunterzubrechen.

Der Leidensgenosse

Seit dem Selbstmord seines Vaters, dessen Schiebermütze er trägt, obwohl sie ihm zu groß ist, ist Jesper ständig auf der Suche nach einer Vaterfigur, die ihn an die Hand nimmt. Vor allem hofft er auf eine Art Mentor, der ihn weiterhin zum Schreiben motiviert - Jesper arbeitet seit geraumer Zeit an einem Roman, der mittlerweile zu einem unlesbaren, über 1000 Seiten starken Monstrum angeschwollen ist.

Nacht für Nacht schreibt er mindestens angetrunken in seinem Kellerloch an dem Roman "Der Leidensgenosse" und versteckt sich so gut und so lange es geht hinter seinem Buchprojekt. Seinen Freunden Gustav und Frank gelingt es nur teilweise, ihn aus seiner Isolation zu befreien. So schwankt der junge Erzähler eine ganze Woche lang zwischen seinen Träumen und seiner traurigen Realität hin und her. Dabei trinkt er zu viel, nimmt Schlaftabletten, isst kaum und verliebt sich in ein Mädchen, das mit ihm nichts anfangen kann.

"Hey, Scheiße Mann, komm schon, verdammt!"

Sehr spät erst lässt Jesper sich helfen und erkennt, dass er dringend seine Vergangenheit aufarbeiten muss. Bis dahin zieht er pausenlos durch das nächtliche Berlin, ohne dass er gedanklich viel weiterkommt - sehr zum Ärger des Lesers. Jesper rastet ein paar mal zu oft aus, sitzt in zu vielen Kneipen und verliert sich allzu oft in Schilderungen seiner Halluzinationen. Weniger wäre da mehr gewesen. Dasselbe gilt für die Dialoge, die oft wirken wie schlechte, weil wortwörtliche Übersetzungen aus amerikanischen Teeniefilmen. Ein bisschen viel "Komm schon!" und mit "Hey" angefangene Sätze, die aufgesetzt wirken und die niemand wirklich von sich geben würde, jedenfalls nicht so durchweg unironisch, wie es in Benedict Wells' Geschichte der Fall ist.

Trotz einiger Längen und Klischees hat der heute 24-jährige Autor in seinem zweiten Roman eine lesenswerte Selbstfindungsodyssee und ein tragisch-komisches Porträt eines Suchenden zu Papier gebracht.

Benedict Wells: "Spinner." Roman. (Diogenes, 2009).

(sh)
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