Der Spion-Buchtipp: Jonathan Lethem 'Du liebst mich, du liebst mich nicht'

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16.01.2008



Jonathan Lethem, derzeit als einer der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren gefeiert, legt mit seinem aktuellen Buch eine Art Popkultur-Collage vor. Sein Rockroman erzählt vom hippen Indie-Lifestyle und gleichzeitig davon, wie abgeschmackt und fade das pseudo-alternative Leben sein kann. Lethems Erzählwelt ist beides zugleich: schillernd und schäbig; abgefahren und belanglos, und immer zeigt er mehr Fassade als Innenwelt. „Es gibt keine Tiefe ohne Oberfläche“, so lautet auch der Leitsatz des Romans. Die muss man bei Lethem selbst ergründen. Aber der Reihe nach.

Attraktive Antihelden

Im Zentrum der Geschichte steht eine Indie-Rockband aus Los Angeles, bestehend aus vier alternativen und attraktiven Antihelden. Jawohl, ANTI-Helden, denn alle sind sie fast 30 Jahre alt und haben bislang wenig im Leben auf die Reihe gekriegt. Da wäre zunächst der schlaksige, „von einer Popstar-Aura“ umgebene Mathew, Frontmann der anfangs noch namenlosen Band. Mathew, der als Tierpfleger im Zoo arbeitet, kann sich allerdings mehr mit einer depressiven Kängurudame als mit einem Popstar identifizieren. Sein Mitgefühl geht so weit, dass er das Känguru kurzfristig kidnappt. Oder nehmen wir den Gitarristen Bedwin: Zwar ist er der intellektuelle Kopf und Songwriter der Band, aber er schafft es nicht, ausreichend, geschweige denn regelmäßig zu essen. Wenigstens die kühle Schlagzeugerin Denise, die in einem Sex-Shop arbeitet, ist halbwegs mental gefestigt.

Effektives Genörgel

Die Hauptfigur Lucinda ist Bassistin und die Ex-Freundin von Mathew. Um am neuesten Projekt des angesagten Konzeptkünstlers Falmund Strand mitwirken zu können, kündigt sie ihren Job im Coffee Shop. Falmunds neueste Idee: Ein fiktives Nörgelzentrum inklusive einer Nörgelhotline. Lucindas Aufgabe besteht darin, sich am Telefon Nörgeleien anzuhören. Ein Anrufer hat es ihr ganz besonders angetan – der „Nörgler“ Carl, ein sowohl betagter aus auch beleibter Zeitgenosse. Neben erotischen Erlebnissen gibt der wortgewandte Carl viel von seiner Sicht auf die Menschen preis. „Astronautenfraß“ z.B. - so nennt er jene Menschen im Leben eines jeden, mit denen man ständig Kaffee trinken geht, obwohl man weiß, dass nie etwas daraus wird; "die man auf einer mentalen Liste führt, um nicht das Gefühl zu haben, es gebe keine Alternativen.“ Ebenso metaphorisch spricht Carl darüber, warum seine Beziehungen immer scheitern: „Meine Augen zerstören Sie ... Ich habe ab und zu diese Monsteraugen. Ich stoße auf etwas, das ich nicht mag, und es wird riesig, es wird zur ganzen Welt.“
Lucinda, fasziniert und inspiriert von seinen Worten, notiert Stichpunkte der Gespräche. Zwischen den beiden entwickelt sich eine heftige Affäre. Unterdessen lässt sie die Notizzettel Bedwin zukommen, der daraus eine Handvoll neuer Songs macht, unter anderem „Astronaut Food“ und „Monster Eyes“. Schnell sorgen diese für den vermeintlichen Durchbruch. Letzterer gibt den Vieren auch endlich einen Namen. Doch als der Nörgler den Gedankenklau bemerkt, besteht er darauf, in die Band aufgenommen zu werden. Mit dem Egozentriker Carl als Mitglied erleiden „Monster Eyes“ einen jähen Absturz. Die Gruppe löst sich auf, doch immerhin ergeben sich, ganz in Shakespeare’scher Komödienmanier, überraschende Pärchenbildungen am Ende des Romans.

Entlarvter Lifestyle

So richtig warm wird man nicht mit Lethems Charakteren. Sie wissen nicht, was sie wollen. Gerade Lucindas Planlosigkeit befremdet. Entscheidungen trifft sie folgerichtig mit Hilfe ihres „Fußorakels“ – ein rotierendes Schild vor der Fußklinik gegenüber ihrer Wohnung, das auf der einen Seite einen gesunden, glücklichen Fuß, auf der anderen einen ramponierten Fuß mit Bandagen abbildet. Ansonsten helfen ihr die Freunde Alkohol und Sex durchs Leben. Regelmäßig braucht Lucinda am Morgen schon ein Konterbier; ihre Affäre mit Carl „erlebt“ sie überwiegend im Vollrausch. Ohne Alkohol, Musik und Sex findet sie „die Welt billig, farblos, langweilig“. Sie braucht die Band, „die Träumer, die Versager, ihre einzigen Freunde.“ Die stylische Indiewelt - am Beispiel von Lucinda als reichlich schnöde entlarvt.
Neben einem gekidnappten Känguru und dem Nörgelcenter hat der Autor noch mehr an liebevoll-skurrilen Einfällen zu bieten. Die Band wird nämlich bei der „Aparty“ entdeckt, eine Veranstaltung, die von Konzeptkünstler Falmund organisiert wird. Die Idee: Die Gäste tanzen mit Kopfhörern zu selbst ausgewählter Musik. Im Hintergrund spielt die Band, allerdings kaum hörbar. Nur durch einen Zufall dürfen Lucinda und ihre Bandkollegen am Ende doch laut spielen. Was für ein aberwitziger Einfall, macht er doch deutlich, dass man Lethems Roman als Parodie auf die Szene lesen muss. Spätestens dann wird auch klar, warum der Autor so abgedroschene Band-Klischees bedienen muss, wie die typische Namenssuche und die irgendwie peinliche Probenatmosphäre, die er auch sprachlich abbildet. Da werden sowohl die „gepfefferten Beats“ bemüht, als auch „die Riffs auf den Takt abgestimmt“; es wird „in die Saiten“ gegriffen und „die Antwort von den Drums“ eingefordert.
Gekonnt konstruiert Lethem die Musik als Handlungsträger; der Song „Monster Eyes“, quasi Carls Hymne, deutet die Handlung voraus: Alles, was Carl fokussiert, geht kaputt. Das trifft sowohl auf seine Beziehung mit Lucinda als auch auf die Band zu.

Das Fremdgehen der Worte

Lethem macht hier ein subtiles Statement zum geltenden Urheberrecht. Mit der Band geht es schließlich erst bergauf, als Urheberrechte verletzt werden. Wieder bergab geht es in dem Moment, in dem der Urheber seine Rechte einfordert. Noch deutlicher macht Jonathan Lethem seine Einstellung, indem er am Ende seines Buches unter „Promiscuous Songs“ auf seine Website hinweist. Songwriter, Musiker und Bands sind nämlich herzlich eingeladen, sich an den dort zur Verfügung stehenden Songtexten zu bedienen und diese beliebig zu bearbeiten.

Jonathan Lethem: „Du liebst mich, du liebst mich nicht“ Roman. (Tropen Verlag 2007).
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