Der Spion-Buchtipp: Paolo Giordano "Die Einsamkeit der Primzahlen"

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07.09.2009

In Italien wurde Paolo Giordanos Debütroman als die Buchsensation des Jahres 2008 gefeiert. Kein Wunder: Ihm ist eine beeindruckend gefühlvolle Geschichte über eine ungewöhnliche Beziehung gelungen.

Eine erfüllte Partnerschaft, ein geselliger Freundeskreis - das alles ist den beiden Hauptfiguren in "Die Einsamkeit der Primzahlen" verwehrt: Zum normalen Leben halten Alice und Mattia gleich viel Abstand, "Mattia, indem er die Welt mied, und Alice, indem sie sich von der Welt gemieden fühlte". Zwischen ihnen existiert eine besondere Verbundenheit - und zwar vom ersten Tag an, als sie sich als Teenager in der Schule kennen lernen.

Die Wunden der Kindheit

Dabei liegen die Ereignisse, die sie für das Leben geprägt haben, viel länger zurück: Alice hat seit einem Ski-Unfall ein steifes Bein. Mattia ist schon als Kind an Schuldgefühlen zerbrochen: Zum ersten Mal auf die Geburtstagsfeier eines Klassenkameraden eingeladen, fürchtet er nichts mehr, als dass seine geistig beeinträchtigte Zwillingsschwester Michela sich daneben benimmt. "Sie wird alle Kartoffelchips auf dem Fußboden verteilen", denkt der fürchterlich einsame Junge und beschließt, seine Schwester für einige Stunden im Wald zurückzulassen. Niemand hat das Mädchen je wieder gesehen.

Über die Jahre entsteht zwischen den beiden eine Freundschaft, deren Einzigartigkeit sie zunächst nicht begreifen. Bei beiden wendet sich der Kampf mit den Wunden der Kindheit gegen sich selbst. Die hübsche Alice, sieht im Spiegel "nur ein plumpes Mädchen" und bemüht sich vergebens um die Zuneigung der coolen Mädchenclique der Schule. Mattia nimmt seine Hände nur dann als seine eigenen wahr, "wenn er mit einer Klinge über die Haut fuhr".

Ein Primzahlenpaar

Es ist kein Zufall, dass Mattia, der später eine beeindruckende Mathematikerkarriere hinlegen soll, sich und Alice mit Primzahlen vergleicht: "Primzahlen sind nur durch 1 und durch sich selbst teilbar. In einem Seminar im zweiten Semester hatte Mattia gelernt, dass einige Primzahlen noch einmal spezieller als die anderen sind. Primzahlenpaare werden sie von Mathematikern genannt: Paare von Primzahlen, die nebeneinander stehen, oder genauer, fast nebeneinander, denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die verhindert, dass sie sich tatsächlich berühren. Für Mattia waren sie beide, Alice und er, genau dies, Primzahlenzwillinge, allein und verloren, sich nahe, aber doch nicht nahe genug, um sich wirklich berühren zu können."

Obwohl sie zusammen gehören, gehen Alice und Mattia getrennte Wege - er nimmt eine Professur im Ausland an, sie geht bei einem Fotografen in die Lehre. Auch an Beziehungen versuchen sie sich. Doch während Alices Ehe letztlich an ihrem gestörten Verhältnis zum eigenen Körper scheitert, empfindet Mattia allein schon die Nähe von Frauen erdrückend. Richtig durchatmen kann er erst dann wieder, wenn er nach einer Nacht mit einer Frau die Tür hinter sich schließt. So leben Alice und Mattia getrennt voneinander - bis zu dem Tag, an dem sie sich entscheiden müssen.

Mitten ins Herz

Abwechselnd erzählt der erst 26-jährige Paolo Giordano aus dem Leben seiner zwei Hauptcharaktere. Seine Nebenfiguren porträtiert er ebenso treffsicher wie Alice und Mattia, ellipsenhaft genau an den richtigen Stellen und mit einer ebenso berührenden wie klaren Sprache. Giordanos Vergleiche treffen ins Mark. Zum Beispiel wenn "Schuldgefühle wie eine eiskalte Dusche auf ihn herab-"kommen; wenn die Liebe zu jemandem erlischt "wie eine in einem leeren Zimmer vergessene Kerze" oder wenn sich jemand "entsetzlich machtlos" fühlt, "weil er in Alices Leben keinerlei Rolle spielte, sie aber sehr wohl in dem seinen, wie eine Tochter, deren Namen er nicht hatte aussuchen dürfen."

"Die Einsamkeit der Primzahlen" ist ein berührendes Porträt zweier Außenseiter. Unbedingt lesen!

(she)
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