Der Spion-Buchtipp: Philipp Moog "Lebenslänglich"

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Cover von Philipp Moogs Debütroman
08.04.2009

Die Hauptfigur in "Lebenslänglich" ist ein kleiner, fetter Bankangestellter, den niemand für voll nimmt. Er wünscht sich nichts sehnlicher als die Aufmerksamkeit seiner schönen Kolleginnen - und bringt deshalb ihre Liebhaber um. Philipp Moog hat einen bitterbösen Debütroman vorgelegt.

Ein armer Tropf ist er, der namenlose Antiheld in Philipp Moogs "Lebenslänglich". Von seiner Umwelt weitgehend unbeachtet, arbeitet er in einer Münchner Bank. Niemand nimmt Notiz von ihm, keiner traut ihm etwas zu. Nie wird er eingeladen, wenn seine Kollegen nach der Arbeit etwas unternehmen. Weil ihm aber grundsätzlich nichts entgeht, weiß er von den Treffen - und beobachtet sie heimlich aus der Ferne.

"Das dicke Männchen"

Arm dran, dieser Typ, dessen gnadenloses Selbstbild der Leser nur aus seinem Tagebuch kennt. Jede Sekunde ist er sich seiner Defizite bewusst: "Ich sehe aus wie ein Schwein", urteilt er beim Blick in den Spiegel, "Der kleine Pimmel baumelt da unten rum. Von der Seite wird es nicht besser. Wenn ich den Bauch einziehe, tut sich überhaupt nichts." Auf diese Weise geißelt er sich unentwegt selbst, hasst sich für das Schwindelgefühl nach dem Schuhebinden und dem Brennen an den Innenseiten seiner Oberschenkel. Der Zutritt zum Haus der Schönheit bleibt ihm verwehrt, denkt er, und nennt sich selbst "das dicke Männchen".

Aber gleichzeitig gefällt er sich ausgesprochen gut in der Rolle des Leidenden und stilisiert sein Elend: "Dann fange ich an zu weinen, und das schaue ich mir im Spiegel an. Ich gehe ganz nah ran und betrachte meine vom Heulen geröteten Augen. Die Tränen kullern über meine Wangen und irgendwie finde ich Gefallen daran." Viel tut er nicht, um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Aufrichtiges Mitleid will nicht recht aufkommen, ist doch das einzige Ziel, das er mit festem Willen verfolgt, jenes, die gut aussehenden Liebhaber seiner hübschen Kolleginnen Yvonne und Daphne aus dem Weg zu räumen. Die Leichtigkeit, mit der er sie umbringt, gibt dem Roman sein zynisches Element. Von schwarzem Humor aber kann in "Lebenslänglich" keine Rede sein.

Diese Augen sind nie müde

Die Brillianz von Philipp Moogs Geschichte liegt vielmehr in der Art und Weise, wie sie einen Kontrast aufbaut und seitenlang nährt. Während niemand den dicken Bankangestellten bemerkt, nimmt dieser dafür umso mehr wahr: Seine Sinne sind permanent scharfgestellt, er fühlt, schmeckt, riecht, hört und sieht alles. Er kennt Yvonnes Parfüm und den Schweißgeruch von Marlene, einer anderen Kollegin. Er hört, was nicht für seine Ohren bestimmt ist. Auch seinen Augen entgeht nichts: "Diese Augen sind nie müde. Diese Augen haben schon so vieles gesehen: So viele freundlich herablassende, so viele spöttische Blicke. So viele peinliche Situationen. So viele unerreichbare Frauen. Und ebenso viele männliche Artgenossen, die der Schöpfer mit allem ausgestattet hat. Mit allem, was man benötigt, um dabei zu sein, um wahrgenommen zu werden. Mit allem, was mir fehlt."

Der Kontrast zwischen ihm und seinen Mitmenschen wird besonders deutlich, als der unscheinbare Bankangestellte einem seiner Mordopfer vor einem Fitnesscenter gegenübersteht: "Er sieht mich wortlos an: Vor ihm steht das perfekte physiognomische Feindbild, das es da oben in der ersten Etage, in seinem Sportclub, zu bekämpfen gilt. Entsprechend freundlich herablassend verändert sich jetzt sein Gesichtsausdruck."

Unerwünschte Liebe

Obwohl er so unscheinbar ist, dass die Polizei ihn zunächst nicht einmal verdächtigt, gibt es doch eine Person, die ihn genau beobachtet: Kollegin Marlene ist verliebt in ihn, sie ist der Mensch, der am meisten über ihn weiß und sie steht zu ihm, egal, was er tut. Ausgerechnet von ihr will "das dicke Männchen" aber nichts wissen. Marlene spielt In Sachen Attraktivität und Beliebtheit in seiner Liga.

Philipp Moog: "Lebenslänglich." Roman. (Dumont, 2008).

(sh)
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