Die Spion-Rezi: Mögen Sie Tee?

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Anni Bürkls Roman "Schwartee" ist ein außergewöhnlicher Krimi.
18.12.2009

Anni Bürkls Krimi ist ungewöhnlich. Aber keinesfalls ist "Schwarztee" ein Buch, das nur Teeliebhabern zu empfehlen wäre.

Ich bin eigentlich alles andere als ein Teetrinker. Das allein muss nicht heißen, ein Buch mit dem Titel "Schwarztee" könne mir nicht gefallen. Aber schon ein überfliegendes Blättern in Anni Bürkls Roman macht klar: Hier bestimmt Tee nicht nur den Titel, hier begibt man sich in eine spezialisierte Teehandlung. Im doppelten Wortsinn.

Dennoch dürfte das auch für krimiliebende Teehasser nur eine kleine Hürde sein. Immerhin steht schon im Untertitel, dass es sich um einen Krimi handelt. Einen Salzkammergut-Krimi. Regional also. Ich komme aus Rostock. Aber gut, jeder Krimi muss irgendwo spielen, warum also nicht im ländlichen Österreich?

Hat die Autorin Mist gebaut?

Aufschlagen, lesen! Und feststellen, die Wiener Autorin macht es einem wirklich nicht leicht. Sprache und Erzählstil sind so gar nicht krimilike. Krimilike? Anglizismen? Ja, sie begegnen uns vom ersten Absatz an, scheinbar wahllos eingestreut und keineswegs sanft eingefügt. Die Erzählerin, die uns Frau Bürkl präsentiert, liebt verkürzte Sätze, eingestreute Rückblenden und Gedankensprünge. Und sie ist geschwätzig, als habe sie übersehen, dass sie einen Krimi und nicht einen heiteren Frauenroman erzählt, in dem nur der Humor etwas zu kurz kommt.

Und die Hauptfigur erst, die uns nun ihrerseits Frau Bürkls Erzählerin präsentiert ... Berenike Roither! Geprägt durch ritualisiertes Teetrinken und esoterische Spiritualität, den schon erwähnten Hang zu Anglizismen, Gedankenverirrungen und eine seltsame allgegenwärtig sexuelle Sehnsucht, die sich vor allem in ihrem Schoß abspielt. Auch hier scheint einiges nicht zu passen. Man ist geneigt, die Figur als unglaubwürdig abzustempeln. Zumindest als ebenso gewöhnungsbedürftig, wie es der Erzählstil ist.

Fein abgestimmt und gut komponiert

Also schlagen wir das Buch wieder zu und überziehen die Autorin mit Vorwürfen, was sie alles falsch gemacht hat, wie man einen ordentlichen Krimi ... Aber halt! So sind wir doch nicht, lieber Leser. Du und ich, wir suchen doch mit ein bisschen mehr Geduld nach der Intention der Autorin. Und bei aller anfänglichen Kritik hat uns das Buch doch längst und auf seine etwas ungewöhnliche Art in seinen Bann gezogen.

Nicht nur der Mord an dem unbequemen Journalisten Robert Rabenstein, der den Ausgangspunkt darstellt und nicht der einzige bleiben soll, wirft Fragen auf, viel mehr noch ist es die geheimnisvolle Vergangenheit der Protagonistin, die den Leser zum Weiterlesen zwingt. Wir beginnen zu ahnen, dass Berenike früher ein ganz anderes Leben geführt hat, als das nur äußerlich beschauliche in Altaussee, wo sie darum bemüht ist, mit ihrem neu eröffneten Teesalon Fuß zu fassen. Dass ihre Spiritualität, ja die Ruhe, die ihr beim Zubereiten und Genießen der unterschiedlichsten Teesorten widerfährt, Folgen eines traumatischen Erlebnisses sind, die als Abwehrmechanismen ihr neues Leben im Zaum halten sollen. Und dass die scheinbaren Unstimmigkeiten, die Anglizismen und die präsente Gier nach Sexualität, Relikte ihres vergangenen Lebens sind. Kurz: Wir haben es hier mit einer außergewöhnlichen Protagonistin zu tun, die auf außergewöhnliche und geradezu geniale Art und Weise beschrieben und völlig zu Recht absolut in den Mittelpunkt des Romans gerückt wird.

Die zunächst gerügte Erzählerin hat einen gehörigen Anteil daran, denn sie geht in ihrer Art völlig in der Hauptfigur auf. Obwohl sie in der dritten Person erzählt, ist sie dichter an der Protagonistin als so mancher Ich-Erzähler. Sie ist Berenike! Mit einer sturen Beharrlichkeit hat sie uns ihren Tee zubereitet. Mit Erfolg! Aus dem vorsichtigen Nippen ist ein Verstehen und schließlich ein Genießen in vollen Zügen geworden.

Berenike Roither: verdächtigt und verfolgt

Nun folgen wir Berenike, die, nicht zuletzt, da sie selbst in Verdacht gerät, im ersten und allen folgenden Mordfällen auf ihre eigene kleine Faust ermittelt. Selbst wenn das Geheimnis ihrer Vergangenheit auch für den Leser immer klarer zutage tritt, bleibt die Faszination an der Figur erhalten. Gleichzeitig nimmt beinahe unmerklich die Spannungskurve in der eigentlichen Krimihandlung zu, die Berenike immer stärker ins Zentrum der Bedrohung rückt. Eine Bedrohung, die sich bald als eine historisch und politisch motivierte entpuppt.

Sicher, actionverwöhnten Lesern kommt "Schwarztee" nur mit einigen wenigen Szenen entgegen, aber der Untertitel heißt ja auch nicht "Ein Salzkammergut-Thriller". Dafür spitzt sich die Spannungskurve gegen Ende noch einmal deutlich zu und nach der Lösung gibt es ein nahezu klassisches Aufrollen des Falls, wie man es aus Detektivgeschichten kennt - natürlich weiterhin im unkonventionellen Erzählstil des Buches.

Fazit: "Schwarztee" ist jedem uneingeschränkt zu empfehlen, der neuartiger und ungewöhnlicher Krimiliteratur gegenüber aufgeschlossen ist und sich durch den besonderen Erzählstil und die möglicherweise gewöhnungsbedürftige Protagonistin eher herausgefordert denn abgeschreckt sieht. Teeliebhaber werden dem Roman zusätzlich einen besonderen Reiz abgewinnen, der sich beinah durch jede Zeile des Buches zieht. Aber auch denjenigen, die sich nicht zu diesen rechnen, dürfte der Krimi schmecken. Und manch einer wird sich sogar für »Berenikes Kleines Teebrevier" im Anhang aufgeschlossen fühlen und mit den Tipps der Protagonistin zur Zubereitung der verschiedensten Teesorten eine neue Leidenschaft entdecken.

(pb)

Weitere Infos

Klappentext:

Das beschauliche Altaussee im Salzkammergut. In Berenike Roithers neu eröffnetem Teesalon trifft man sich zur Lesung des skandalumwitterten Autors Sieghard Lahn. Doch ein Besucher steht zur Pause nicht mehr auf und schnell ist klar: Der Journalist Robert Rabenstein wurde ermordet.

Kein guter Auftakt für Berenikes beruflichen Neuanfang. Aber als Frau der Tat beschließt sie, selbst Licht ins Dunkel zu bringen - auch wenn sie sich dazu im fernen Wien der eigenen Vergangenheit stellen muss ...

Die Autorin:



Anni Bürkl, Jahrgang 1970, lebt seit Abschluss ihres Studiums der Publizistik im Jahr 2001 als freie Journalistin und Autorin in Wien. Im Ausseerland, wo sie sich im Sommer gerne aufhält, schreibt sie am liebsten. 2003 erhielt sie den Theodor-Körner-Förderungspreis. Sie ist Mitglied bei den "Mörderischen Schwestern" und der "IG Autorinnen Autoren". Der Kriminalroman "Schwarztee" ist ihre erste Veröffentlichung im Gmeiner-Verlag.

Webseite der Autorin

Anni Bürkl
Schwarztee
Gmeiner Verlag, 2009
323 Seiten
ISBN 978-3-8392-1023-9
EUR 11,90

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